Freitag, 11. November 2011


Junkgirl - Anna Kuschnarowa

Das Buch ist im Beltz Gulliver Verlag erschienen, hat 222 Seiten und kostet 12,95. 
Das Buch ist eine broschierte Ausgabe und ist ab 14 Jahren empfohlen. 

Alissa ist 15 und lebt in einem behüteten Elternhaus. Eigentlich hat sie vier Geschwister, und doch wächst sie alleine auf, da die älteren Kinder der Familie aus dem Gröbsten raus sind, als Alissa auf die Welt kommt. Allerdings werden ihr ihre Geschwister ständig als Vorbilder unter die Nase gerieben. Die Mutter passt auf, das Alissa sich anständig kleidet, ihr Vater holt sie nach der Schule ab und der Umgang mit Jungs wird Alissa auch so weit es geht verboten. Eigentlich kann sie sich für ihr Alter überhaupt nicht angemessen entfalten. Und so kommt es, dass Alissa beginnt zu rebellieren, als sie Tara kennenlernt, und aus dem bedrängendem Leben ihrer spießigen Eltern ausbricht. 
Mit Tara beginnt die beste Zeit ihres Lebens. Doch die richtigen Höhenflüge beginnen erst, als sie sich in Taras Drogengeschichte hineinziehen lässt. Dass diese Höhenflüge auch Bruchlandungen mit sich ziehen, hat Alissa nicht gedacht, und ehe sie sich versieht, steckt sie als 'Alice' in dem beschissensten Leben, dass sie sich je erträumt hätte, und verabschiedet sich von ihrem alten Ich. Denn sie für alles dafür tun, damit die Drogen nicht zwischen ihr und Tara stehen... 

Im Prinzip ähnelt die Geschichte der von Christiane F. Und doch ist es wieder ganz anders. Dieses Buch beginnt sogleich mitreißend und man wird in die bedrohlich behütete heile Welt von Alissa eingeführt, die jedes Mädchen in diesem Alter strickt ablehnen würde. Alissa fühlt sich nicht zugehörig und bezeichnet sich selbst als Alien und wird von der Familie, insbesondere den geliebten Geschwistern irgendwie in den Schatten gestellt.
Die Entwicklung, die Alissa in diesem Buch durchmacht ist unglaublich deutlich. Und trotz, dass man zu Anfang schon fast weiß, wie die Geschichte ausgehen wird, ändert das absolut nichts an dem Drang, dieses Buch zu lesen. 

Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und es ist sicher für jeden Leser mindestens ein Sympathieträger dabei. Ich persönlich habe Alissa oder Alice gerne durch die Geschichte begleitet und hab, so weit es mir als Außenstehender möglich war, mit ihr mitgefühlt. 
Tara ist eine Person gewesen, der ich Anfangs einerseits mit Respekt und andererseits mit Ablehnung begegnet war. Sie ist das komplette Gegenteil von Alissa und noch dazu war sie ziemlich frech. Mit der Zeit habe ich mich an ihre etwas grobe Art gewöhnt und auch sie wurde mir etwas sympathischer. Doch ein kleiner Teil meines Herzens gehörte einer ganz anderen Person dieses Buches, und zwar Leander. Leander ist ebenfalls ein mehr oder weniger wichtiger Charakter der Geschichte und hat eine gewisse Bindung zu Tara aufgebaut, weswegen er Alissa anfangs wirklich ablehnt. Um Leander zu verstehen und um ihn zu mögen braucht man während der Geschichte ein wenig Feingefühl, aber wenn man das bekommen hat, gewinnt man in ihm einen richtigen Freund. So war es jedenfalls bei mir. 

Der Schreibstil ist anfangs unglaublich gewöhnungsbedürftig. Ich hatte nach den ersten 40 Seiten immer noch das Gefühl, dass dieses Buch mich nicht weiterbringt und wollte abbrechen. Diese dazwischengeworfenen englischen Begriffe haben mir einfach nur die Nerven geraubt und ich fragte mich, in welchem niveaulosen Ghetto ich mich eigentlich befinde. 
Doch sogleich auf den zehn weiterführenden Seiten war alles vergessen und ich war unglaublich erleichtert, dass ich weitergelesen habe. Der Stil wird so kräftig, die Atmosphäre so dicht, die Geschichte bedrückend. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Autorin mit diesem Buch wirklich beste Arbeit geleistet hat. Natürlich ist der Stil etwas jugendlich gehalten, eben auch durch die englischen Begriffe. Aber man gewöhnt sich recht schnell daran und am Ende ist man froh darüber, dass kann ich versprechen. 
Das einzige, was den Lesern eventuell Probleme bereiten könnte, wäre die Tatsache, dass das Buch keine Kapitel hat. Es ist eine durchgehende Geschichte mit Absätzen, die das Jetzt kurz beschreiben, die Geschichte aber nicht in Einzelteile spalten. 

Das einzige, was ich nach dem Lesen nun noch kritisieren kann, wäre die Umsetzung mancher Szenen. An sich war alles einfach perfekt gestaltet, allerdings hatte ich bis nach der Mitte des Buches das Gefühl, dass die Drogen ein richtig tolles Abenteuer sind. Mir fehlte wirklich dieser erhobene Finger, der immer wieder deutlich macht, dass Drogen einfach schlecht sind. Natürlich ist das Buch keineswegs positiv im Bezug auf Drogen beschrieben, aber ich empfand es einfach als zu euphorisch. Zeitweise habe ich mir da wirklich meine Gedanken gemacht, ob das so gut ist, wenn Kinder mit 14 Jahren dieses Buch lesen. Vielleicht würden sie sich dann auch ein solches Abenteuer wünschen. Weg von Zuhause, keine ätzenden Regeln mehr, die pure Freiheit leben, seine Grenzen austesten, mit Freunden um die Häuser ziehen und nicht mehr in die Schule gehen. Ich meine, wie schön klingt das im ersten Moment für Menschen in dem Alter? 
Doch Gott sei Dank hat sich dieses Gefühl wieder gewandelt und ich konnte das Buch beruhigt zu Ende lesen und mit gutem Gewissen abschließen und auch hier vorstellen. 
Wenn von euch das Buch jemand gelesen hat, könnte er mir seine Meinung darüber gerne mitteilen, denn es interessiert mich wirklich sehr, ob nur ich das so sah, oder ob andere diese Angst ebenfalls hatten, dass junge Menschen, das ganze etwas falsch auffassen können. 

Ansonsten war das Buch wirklich klasse. In diesen 222 Seiten steckt so viel Leben, so viel Gefühl, so viel Tragik und soviel Ableben. Ableben in dem Sinne, weil ich einfach kein besseres Wort finde, für das, was dort vor sich geht. Immer wieder ist es schockierend zu lesen oder auch zu sehen, wie Menschen sich mit Drogen kaputt machen und wie gefährlich sie wirklich sind. Es ist garantiert kein Thema worüber man scherzen sollte, oder was man auf die leichte Schulter nehmen dürfte. 
In dem Alter, in dem Alissa ist, plus die rosarote Brille, die sie trägt, ist man einfach noch nicht fähig, die Grenzen zu kennen. Aufzuhören, bevor es zu spät ist. 
Es ist ein wahnsinniger Unterschied zwischen einmal einen Joint rauchen und jeden Tag H drücken. Und doch führt alles zum selben Ende, wenn man nicht aufpasst. Alissa hat ihre Grenzen freiwillig überschritten und sich dem Elend ausgesetzt. Aus Gründen, die niemals dafür zuständig sein sollten. Und wenn man sich in der Welt umschaut, sieht man, dass es viel zu vielen Menschen so ergeht.

Ein Buch, das die Augen öffnet. Hoffentlich.

*****
  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen