Montag, 7. Januar 2013



Bevor ich falle - Lilly Lindner



Daten.
Verlag: Droemer Verlag
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 304 Seiten
Genre: Roman
Format: Broschiert
Altersempfehlung: Ab 16
Erscheinungsdatum: September 2012
Gekauft: Pieper Buchhandlung


[Du weißt nicht, wie sich Stille anfühlt.
Bis sie dich anbrüllt.]


Die kleine Cherry verliert im Alter von neun Jahren ihre Mutter. Sie springt aus dem Fenster und lässt Cherry mit ihrem herzkalten Vater allein zurück. Je älter Cherry wird und je schwieriger es wird, mit dem Alltag klar zu kommen, desto mehr Schuldgefühle und Selbsthass entwickeln sich in ihr. Denn sie ist fest davon überzeugt, dass sie Schuld am Selbstmord ihrer Mutter trägt. Und das einzige, was sie will, ist wieder mit ihr zusammen sein. Aber Gott sei Dank, gibt es einen Menschen in ihrem Umfeld, der sie daran zu hindern versucht, sich selbst zu verletzen und ihr zeigt, was sie eigentlich will. Dieser Jemand ist allerdings nicht ihr Vater, denn von ihm aus, könnte sie ihrer Mutter ruhig hinterher springen. Vermissen würde er sie sicher nicht, sagt er und denkt sie jedenfalls.



Handlung & Stil.
Wie erwartet, ist bei Lilly Lindners zweitem Roman wieder nicht nur der Stil intensiv, sondern auch die Handlung. Mit harten und direkten Worten, die niemand hätte besser wählen können, erzählt sie uns die Geschichte von Cherry, einem liebenswerten Mädchen, das psychisch allerdings total zerstört ist. Sie weiß nicht, wie sie mit dem Leben fertig werden soll, dafür aber mit den Worten. Ihr Vater hasst Worte und ihr Vater hasst Cherry. Schon als die Mutter noch lebte, schon seit Cherry denken konnte, hat ihr Vater sie schlecht behandelt, wollte sie nicht um sich haben und mochte sie nicht leiden. Und Cherry hat rebelliert. Und ihrer Meinung nach, ihre Mutter auch noch in den Selbstmord getrieben.
Mit welcher Stärke, Kraft und unverdaulicher Ehrlichkeit Lilly Lindner diese Geschichte erzählt, ist mal wieder erschreckend und erfreuend zugleich. Denn selten fallen uns solche Bücher in die Hand. Noch nie habe ich einen Autor oder eine Autorin gefunden, die eine solche Wortkraft an den Tag legt. Das kann nur jemand, der selbst eine Menge erlebt hat, der seine ganzen eigenen negativen Gefühle in die Sätze legt, Punkte setzt, wann er sie für richtig hält und nicht, wann sie gut aussehen oder sinnvoll erscheinen. Das ist Lilly Lindner. Und wenn man sich für sie und ihren Schreibstil öffnen kann, dann wird man eine Achterbahnfahrt durch die Hölle des Lebens machen und immerzu schreien wollen. Doch der Nebel unseres Daseins wird euch die Hand auf den Mund pressen und euch weiter hinabziehen, solange, bis die letzte Seite geschlossen wird, und eure Bügel des Waggons sich wieder öffnen. 

Charaktere & Schauplatz.
Natürlich ist Cherry wieder eine Mischung aus allem. Sie ist einerseits sehr liebenswert, andererseits aber auch einfach nur zu bemitleiden. Und noch mal andererseits ist sie ein Mädchen, das zickige Antworten gibt, rebelliert und nicht weiß, wohin sie gehört und wer sie sein möchte. Es ist interessant, sie zu verfolgen, mit ihr einen Teil des Leidensweges zu gehen und irgendwie ihren Schmerz zu spüren. Man versucht ihr ihn ein Stück weit abzunehmen, aber wer selbst etwas Schweres hinter sich hat oder durchmacht, der weiß, dass das niemals funktionieren würde. Man ertrinkt im Leid, weil der Verstand sich darin festfährt. Eigentlich, hat man kaum mehr eine Chance auszutreten. 
Schauplätze spielen in dem Buch keine tragende Rolle und werden auch nicht sehr geschildert. Dennoch gibt es ein paar Plätze in dem Buch, die wichtig sind und die man sich merkt und vorstellt. Lilly Lindner braucht dazu keine vielen Beschreibungen, damit das menschliche Vorstellungsvermögen arbeitet.

Sonstiges.
Das Buch hat mich geflasht. Selbstverständlich hat es das. Ich hatte nichts Anderes erwartet. Lilly Lindner ist mit Antonia Michaelis meine absolute Lieblingsautorin und ich würde mich jederzeit auf eines ihrer Bücher stürzen. Deswegen hoffe ich sehr, dass sie noch weitere Werke verfassen wird. Und wer von euch nun mal wirklich etwas Gutes lesen will, dass jeden - aber auch jeden Leser - an seine fühlenden Grenzen bringen wird, dann greift nach diesen Büchern. 
Splitterfasernackt fand ich allerdings in einigen Hinsichten noch besser. Es hat mich einfach dazu gebracht, das Atmen zu vergessen, fest zu schlucken, hat mir Tränen in die Augen getrieben und mich in einem Gefühl zurückgelassen, das ich bis heute nicht einordnen kann. All das, hat mir hier gefehlt, aber es war dennoch einfach Lilly und daher einfach super genial.



Bewertung.
Aufmachung: 4,5/5
Idee der Geschichte: 4,5/5
Umsetzung: 5/5
Sprache: 5/5
Charaktere: 5/5
Unterhaltungswert: 5/5
Nachdenklichkeit: 4/5
Überraschungseffekte: 3,5/5
Bildungseffekte: 4/5
Länge/Schnelligkeit: 5/5

Punkte insgesamt: 45,5/50

5 Sterne




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