Montag, 28. Juli 2014

Das Mädchen mit dem Haifischherz - Jenni Fagan

Titel: Das Mädchen mit dem Haifischherz
Originaltitel: The Panopticon
Autor: Jenni Fagan
Verlag: Antje Kunstmann Verlag
Gebundene Ausgabe: 19,95€
E-Book Ausgabe: 15,99€
Genre: Drama/Roman
Altersempfehlung: Ab 16
Erscheinungsdatum: März 2014
                                                         
                                  
Anais Hendricks ist fünfzehn und sitzt zu Anfang des Buches blutverschmiert in einem Polizeiwagen. Sie wird beschuldigt, eine Polizistin ins Koma gebracht zu haben und wird nach einer endlosen Kette von Heimaufenthalten und Pflegefamilien in eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche gebracht. Das Panoptikum. Zwischen all den Machenschaften des Experiments, dem Anais für alles die Schuld gibt und der vergeblichen Suche nach dem Sinn ihres Lebens, findet sie dort sogar so etwas wie eine Familie. Immer wieder erlebt Anais Rückschläge und Dinge, mit denen sie einfach nicht richtig zurechtkommt. Manchmal, davon ist man überzeugt, ist es kaum auszuhalten - außer man hat ein Haifischherz und Freunde, die einem zeigen, wie man ihm folgt.
Dieses Buch ist nichts für Normale. Weshalb ich das so ausdrücke? Das wisst ihr, wenn ihr die ersten Seiten des Buches lest, denn schon da entscheidet sich, ob ihr Anais und ihre Welt verstehen könnt, oder nicht. Viele Leserstimmen sagen, der Schreibstil und vor allem auch die Dialoge wären viel zu überspitzt und alles ohnehin zu extrem dargestellt. Aber die Menschen, die selbst ihr Leben lang in der Scheiße gesessen haben oder immer noch sitzen, wissen, dass es absolut der Wahrheit entspricht, was Jenni Fagan in diesem Roman ans ungefilterte Licht bringt. 
Sie zeigt den Menschen auf, was um sie herum passiert. Sie zeigt ihnen, dass sie wegschauen, obwohl sie helfen könnten und dass die Menschen, die nicht in einer heilen Familie aufwachsen oder einfach anders sind, von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Die Frage lautet, warum nicht? Sind die Menschen schlechter, nur weil sie anders leben? Anders denken, anders handeln, ihre Gefühle mit Drogen kompensieren, mit Gewalt, mit Selbsthass oder mit Kälte? Sind sie schlechtere Menschen, weil sie alleine sind, nicht gewollt von ihren Eltern, nicht fähig auf dem richtigen Weg zu bleiben, weil ihnen keiner diese Stütze bietet, die sie dazu bräuchten? 
Nein. Die einzig wirklich schlechten Menschen sind die, die wegsehen obwohl sie bemerken und verurteilen, obwohl sie nichts wissen. Sie wollen den Abschaum nicht, aber der Abschaum will sie genauso wenig. 
Dieses Buch wirft so viele gesellschaftliche und soziale Themen auf, über die jeder Mensch dieser Erde einmal nachdenken sollte. Anais ist eine Heldin, die uns schonungslos erzählt, wie sie sich fühlt, als Mensch, der seine Eltern nicht kennt und von einer Pflegestation in die nächste gebracht wird, immer wieder auf sich alleingestellt ist, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Halt und ohne Liebe. Sie ist ein niemand, weil ihr niemand sagen kann, wer sie ist. Und am wenigsten sie selbst. Wir erleben ein Gefühlschaos einer Identitätslosen, einem Mädchen, das gerne jemand wäre, aber nicht die Möglichkeit hat, dieser jemand - oder irgendjemand - zu sein. 
Wir erleben sie beim Scheitern, beim Kämpfen, beim Lachen und beim Weinen und für ihre Entscheidungen und Handlungen und Worte können wir sie achten und verachten, aber immer nur lieben, weil sie einfach genau das verdient hat. Anais ist ein wunderbares Mädchen, mit vielen Problemen und vielen Fehlern, von denen sie manche ein Leben lang mit sich tragen wird. Aber ein Mädchen, die trotz diesen Dingen auf sich stolz sein kann, einfach, weil sie durchhält.
Man spürt in jedem Satz diese Verzweiflung, diese Träume, diese Wünsche und diese Ängste all jener Personen, die im Panoptikum sind. Wir lernen so viele Personen kennen, lernen sie lieben und schätzen, obwohl sie fast jeder verachten würde, würde man sie auf der Straße treffen. 
Dieses Buch sollte den Lesern aufzeigen, was in der Welt passiert und sie lehren, was man selbst daran ändern oder verbessern könnte. Aber vor allen Dingen, sollten die Leser lernen, zu verstehen. 
Menschen, die ihr Leben lang wohl behütet aufgewachsen sind, laufen eventuell der Gefahr, die Worte dieses Buches nicht zu verstehen, weil sie die Tiefe einfach nicht ertasten und die Sinnlichkeit in der derben Sprache nicht fühlen können. Einen Versuch ist es jedoch allemal wert, aber sollte man bedenken, dieses Buch mit Fingerspitzengefühl zu behandeln. Wer nicht versteht, sollte nicht urteilen. Das ist ein Satz, den man sich für das ganze Leben merken sollte. Egal, in welcher Hinsicht.
Sicher merkt ihr, dass ich dieses Mal eine ganz andere Rezension schreibe, als sonst, und kaum auf die eigentlichen Dinge eingehe, die ich sonst gerne zur Sprache bringe.
Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes und man erkennt es an den Worten, die ich dazu sagte. Das muss reichen, um zu spüren, dass man dieses Buch lesen muss, oder eben nicht.
Ich kann bei diesem Werk nicht unbedingt viel Spaß wünschen, aber ich wünsche viel Erkenntnis.





Gestaltung des Buches: 4,5/5
Idee der Geschichte: 5/5
Umsetzung: 5/5
Charaktere: 5/5
Sprache: 4/5
Unterhaltungswert: 5/5
Ideenreichtum: 5/5
Tiefgründige Aspekte: 5/5
Bildungswert: 4,5/5
Lesetempo: 4.5/5

Punktzahl insgesamt: 47,5/50







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